Kompressionsverbände und -strümpfe beim Lipödem

Sicherlich nehmen die Kompressionsverfahren eine entscheidende Rolle unter allen Therapieverfahren ein. Durch eine Erhöhung des Drucks auf die Beine (oder seltener: Arme) wird der Rückfluss aus Venen und Lymphgefässen erheblich gesteigert. Wer Kompressionsmaterialien trägt oder sich eine Bandage anlegt, bei dem strömt bereits in Ruhe 50% mehr Flüssigkeit aus den Beinen zurück. Dieser Effekt verstärkt sich vor allem durch gleichzeitige Bewegung, da die Beinmuskulatur das Gewebe dann gegen das Kompressionsmaterial drückt, was zu einer zusätzlichen Entstauung führt. 

Am häufigsten helfen Strümpfe mit Kompression, Verbände sind umständlich und selten nötig.

Bei der Kompression ist grundsätzlich erlaubt, was hilft. In manchen Fällen ist eine leichte Kompression (ein sogenannter “Stützstrumpf“) bereits eine grosse Erleichterung, in anderen Fällen benötigt es höhere medizinische Klassen und ganz selten auch einmal die sogenannte “komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE)“, eine Kombination aus manueller Lymphdrainage sowie fester Dauerkompression. Je nach Ausprägung des Lipödems kann es z.B. im Stadium 3 nur schwer möglich sein, eine entsprechende Bestrumpfung zu finden, die noch tragbar ist und nicht einschnürt. Hier kann es nötig sein, zuerst die komplexe physikalische Entstauungstherapie durchzuführen, die aus der Kombination von Lymphdrainage und Bandagen besteht. Sie verbessert die Weichteilverformung und ermöglicht dann die Bestrumpfung.

Aufgrund der teilweise grotesken Fettansammlungen im Bein − und auch aufgrund der häufigen Beinempfindlichkeit für Druck und Berührung − wird eine Bestrumpfung häufig nur schlecht vertragen und oftmals nicht toleriert. Es ist anzumerken, dass in fast allen Fällen eines Lipödems der Kompressionsstrumpf nur zur Linderung der Beschwerden und Schwellung Sinn macht, wobei es dem Patienten überlassen bleibt, ob er den Strumpf tragen möchte oder nicht. Der Strumpf kann die statische Komponente des Lipödems (die Fettansammlung) nicht beeinflussen und keine Verschlechterung verhindern. Wer also den Strumpf oder auch Verbände nicht verträgt, d.h. sich damit schlechter fühlt, muss diese auch nicht tragen!

Die Kompression kann im Einzelfall die Symptome lindern und die Schwellung reduzieren, das Lipödem heilen kann sie nicht.

“Kompressionstherapie” beim Lipödem | Interview mit Dr. Linde

Interview mit Dr. Nikolaus Linde, einem der führenden Schweizer Venen- und Lipödemspezialisten, zum Thema “Kompressionstherapie”. Dr. Linde ist Präsident der Lipödem Liga Schweiz.

Welche Strumpfstärke muss ich beim Lipödem tragen? 

Die Stärke des Kompressionsstrumpfes sollte immer individuell ausgetestet werden. Es gibt keine Standardstärke, die getragen werden muss, auch wenn dies von bestimmten Kreisen propagiert wird.

Ich persönlich bin der Ansicht: “Lieber einen Strumpf am Bein – auch wenn er vielleicht nicht ganz so eng ist – als einen Strumpf im Schrank.“ Je nach Beschwerden reicht eine halbe Kompressionsstrumpfstärke aus (ein frischer enger Herrenstrumpf wie z.B. die “Rohnersocke“, die weissen Antithrombosenstrümpfe etc.); es kann aber auch sein, dass ein Strumpf der medizinischen Kompressionklasse II oder III benötigt wird. 

Muss ich einen Strumpf nach Mass tragen? 

Alle Strümpfe sind auf ein bestimmtes Mass angepasst und erhältlich in den Grössen X, M, L sowie XL. Für die meisten Lipödeme Grad I und für viele Grad II reichen diese aus.

Aber: Es gibt Beinformen, an denen kein Strumpf nach Normmassen passt, z.B. ab Grad III oder bei einem “Elefantenbein“. Dann wird ein individuell angepasster Strumpf benötigt. Leider sind solche Massanfertigungen ziemlich teuer und müssen zu einem erheblichen Teil selbst bezahlt werden. 

Muss der Strumpf rund- oder flachgestrickt sein?  

Rundgestrickte Strümpfe sind oftmals sehr modisch, dünn und angenehm zu tragen. Sie ähneln einem “Fogal“ Strumpf in der Tragequalität. Flachgestrickte Strümpfe sind wesentlich fester, dicker und werden hinten mit einem Reissverschluss verschlossen. Sie sind zudem optisch nicht sehr elegant.

Grundsätzlich sind die normalen, rundgestrickten Kompressionsstrümpfe ausreichend zur Behandlung. Über 90% aller Patienten können so versorgt werden. Aber – es gibt Patienten mit speziellen Beschwerden oder starken Schwellungen, wo ein flachgestrickter Strumpf besser ist. Flachgestrickte Strümpfe sind die erste Wahl beim ausgeprägten Lymphödem, bei dem ein normaler Strumpf nicht passt.

Die manuelle Lymphdrainage beim Lipödem

Jede Behandlung bei einem Lipödembeschwerden muss individuell auf den Patienten angepasst werden. Generell ist in der ersten Phase die Lymphdrainage (evtl. in der Kombination mit einer Kompression) zu empfehlen. 

Die Lymphdrainage ist eine Methode, die ausgetretene Lymphflüssigkeit zu verringern. Die Massage aktiviert hierbei bestmöglich die aktiven Lymphgefässe, wodurch die Lymphe schneller abfliessen kann. Dadurch verringert sich die Schwellung.

Die manuelle Lymphdrainage ist grundsätzlich die beste, ihre Qualität hängt jedoch extrem vom jeweiligen Therapeuten ab. Leider garantieren Diplome alleine noch keine gute Qualität. Eine gute manuelle Lymphdrainage ist eine “Tätschelmassage“, die zuerst im oberen Halsbereich links beginnt, sich dann mit leichten drückenden Bewegungen vom Oberkörper vorne nach unten zu den Leisten bewegt und dann erst vom Fuss zur Leiste nach oben arbeitet. Dieses Vorgehen entspricht der Anatomie des Lymphgefässystems und basiert auf den Untersuchungen und Vorgaben von Herrn Földi sowie Herrn Vodder. Diese Massage wird von vielen Physiotherapeuten angeboten, aber auch Masseure führen diese Massage durch. Je nach Anerkennung durch die Krankenkasse wird die Massage bei den Physiotherapeuten von der Grundversicherung (nach ärztlicher Verodnung) übernommen, während die Behandlung bei Masseuren/-innen oftmals nur im Rahmen einer Zusatzversicherung bezahlt wird.

Auch die maschinelle Lymphdrainage kann helfen. Hierbei werden die Beine in aufblasbare Luftstrümpfe gelegt, die sich immer wieder aufblasen und dann die Luft herauslassen, was zu einem rhythmischen Druck auf die Beine führt. Diese Bewegung entstauut die Beine, im Gegensatz zur manuellen Massage werden die oberen Lymphstationen bei dieser Methode jedoch nicht “geöffnet“ (was bei einem Lymphödem notwendig wäre). Diese Behandlung wird ebenfalls von Physiotherapeuten, Masseuren, aber auch Kosmetikerinnen angeboten. Je nach Anbieter bezahlt die Krankenkasse einen Teil oder sogar alles.

Eine spezielle Form dieser Massagen ist die Endermologie, eine Saugrollmassage. Hierbei wird die Haut von einem Vakuum eingesaugt und im Anschluss mit Massagerollen bearbeitet. Die Endermologie trägt durch Anregung der lokalen Mikrozirkulation zu einer Kräftigung des Bindegewebes bei und verbessert somit die Elastizität sowie das Aussehen der Haut. Das Resultat: Stauungen bessern sich, das Volumen der dynamischen Lipödemkomponente nimmt ab. Berührungs- und Druckempfindlichkeiten verbessern sich markant, Entspannung und Wohlbefinden werden ausgelöst. Diese Behandlungsform wird von verschiedenen Ärzten, Physiotherapeuten, Masseuren und Kosmetikerinnen angeboten.

 

 

Sport und Bewegung gegen Lipödemleiden

Das Lipödem widersteht grundsätzlich allen Anstrengungen im Fitness-Studio. Zwar nimmt die körperliche Leistungsfähigkeit zu und die Muskeln wachsen, aber das Lipödem – d.h. die Fettverteilungsstörung – zeigt sich davon im Prinzip unbeeindruckt. Ganz im Gegenteil: Durch den Muskelaufbau wird das Bein- oder Armvolumen sogar noch erhöht, die Masse nimmt zu. Dies frustriert und verunsichert viele Patienten, da sie nicht richtig über das Krankheitsbild aufgeklärt wurden und sich mit falscher Hoffnung in das Bewegungsabenteuer stürzen.

Fakt ist, dass Sport die Symptome und die Beschwerden der Erkrankung massiv verringern kann. Aus diesem Grund empfiehlt sich regelmässige Bewegung, auch wenn diese per se nicht zu dünnen Beinen führen wird.

Sportliche Betätigung regt die Wadenmuskulaturpumpe an, was den Abtransport von venösem Blut/Lymphe aus dem Beingewebe optimiert und gleichzeitig die Flüssigkeitsdurchlässigkeit der Kapillaren verbessert. Alles was mit der Bewegung der Beine zu tun hat, verbessert die Schwellungstendenz und Symptomatik in den Beinen.

Grundsätzlich spielt der durchgeführte Sport keine grosse Rolle, Hauptsache Bewegung! Ideal wäre es, wenn das Sprunggelenk bewegt und der Fuss gut abgerollt wird; dieses Bewegungsmuster führt fast immer zu einer Linderung der Beschwerden sowie einer Reduktion der Schwellungstendenz in den Beinen. Wandern, Walking, Nordic Walking, Joggen, Aquafit, aber auch Tanzen und weitere Sportarten, die die Beine bewegen, sind deshalb besonders zu empfehlen.

Wer keine Zeit für Sport hat, kann die Muskelwadenpumpe durch das Tragen eines speziellen Schuhes betätigen. Der MBT (Massai Barfuss Technologie) Schuh bringt vielen Patienten eine massive Linderung der Beschwerden, weil bei jedem ganz normalen Schritt im Sprunggelenk optimal abgerollt und die Wadenmuskelpumpe somit bestens betätigt wird. Inzwischen gibt es einige Nachahmermodelle, die ebenfalls sehr wirksam sein können. Am besten probieren Sie mehrere Schuhe aus, um das Modell zu finden, in dem Sie sich am wohlsten fühlen.

 

Symptome eines beginnenden Lipödemleidens richtig erkennen

Lipödeme stören meistens nur optisch, weil z.B. Stiefel nicht mehr passen oder eng geschnittene Jeans nicht mehr getragen werden können. 

In vielen Fällen führen Lipödeme zu Beschwerden. Im Vordergrund der Symptome steht die Schwellung der Beine, die vor allem tagsüber im Stehen und Sitzen zunimmt, sich nachts aber stets zurückbildet. Bei dieser Schwellung handelt es sich um eine lymphatische Begleitschwellung. Sie ist harmlos und tritt nur im Rahmen eines Lipödems auf. Die Schwellung geht von den einzelnen Fettzellen aus, die sich im Laufe eines Tages mit Wasser einlagern und damit grösser werden. Lymphödeme hingegen führen zu einer Stauung in den Lymphgefässen, die meistens mit einer Schwellung des Vorfusses und der Zehen einhergehen, dann den Unterschenkel ergreifen und letztendlich den Oberschenkel ebenfalls einbeziehen.

Lipödemleiden Symptome

Diese Schwellung kann rein optisch stören oder aber auch mit Beschwerden einhergehen. Schwere- und Zerschlagenheitsgefühl, Müdigkeit, Berührungsempfindlichkeit und Stauungsbeschwerden werden am häufigsten als Beschwerden angegeben.

Diese Schwellungen und/oder Beschwerden werden meistens symmetrisch und vor allem im Bereich der Unterschenkel angegeben, teilweise aber auch ganz örtlich z.B. seitlich am Unterschenkel in der Knöchelregion, an der Vorderseite des Oberschenkels etc. Die Beinschwellung am Unterschenkel kann wenige Millimeter (abends finden sich die Abdrücke der Socken) bis einige Zentimeter ausmachen. Der Vorfuss und die Zehen bleiben meistens von der Schwellung ausgespart oder schwellen nur wenig auf. Bei einem Lymphödem hingegen schwellen vor allem als erstes die Füsse und dann erst die Unter- und zum Schluss die Oberschenkel auf. Im Gegensatz zu anderen Ursachen für eine Beinschwellung ist die Schwellung beim Lipödem niemals eindrückbar (beim Drücken bleiben “Dellen“ der Finger übrig).

Lipödem Symptome

Bilder mit freundlicher Erlaubnis Lipödemklinik in Walchsee/Tirol

Lipödeme beginnen üblicherweise am Unterschenkel im Bereich der Knöchelregion und hören dort wie ein “Muffenkragen“ auf. Bis zum Abend ist eine richtige Stufe sichtbar, die oftmals die Knöchel miteinbezieht, so dass diese nicht mehr sichtbar sind. Der Fuss selbst und die Zehen schwellen hierbei nur mässig oder sogar gar nicht auf. Am Oberschenkel tritt das Lipödem vor allem an der Innenseite, vorne und an der Aussenseite auf. Die typischen weiblichen Fettpolster wie Reiterhose oder der Innenbereich der Oberschenkel werden bei einem Lipödem wesentlich ausgeprägter und nehmen teilweise sogar groteske Formen an. Am Oberarm treten Lipödeme ebenfalls zirkulär auf und sind in selteneren Fällen auch am Unterarm sichtbar. Auch das Gesäss, der Bauch sowie andere Regionen können vom Lipödem betroffen sein, doch finden sich solche Befunde eigentlich nur bei zusätzlichem Übergewicht und einem Stadium III.

In vielen Fällen ist eine Neigung zu “blauen Flecken“ ein weiteres Symtom, das beobachtet wird. Die Ursachen sind noch nicht erforscht. Das Phänomen ist allerdings harmlos.

Vortrag: Lipödem — „Ursachen & Behandlung“ am 19.11.2013

Leiden Sie unter unproportional dicken Beinen, die weder durch Sport noch Diät dünner werden? Fühlen Sie sich durch Ihre Beine ästhetisch beeinträchtigt? Leiden Sie an Stauungen und Schwellungen in Ihren Beinen? Dann haben Sie wahrscheinlich ein Lipödem. 

Dieser Vortrag geht auf Ursachen, Beschwerden sowie die neuesten Behandlungsmöglichkeiten des Lipödems ein.

Lipödem

Dienstag, 19. November 2013, 20.00 (nur nach telefonischer Anmeldung unter 084 444 66 88 aufgrund begrenzter Platzzahl)

Praxis Dr. Linde
am Stauffacher
Badenerstrasse 29
8004 Zürich

Referent: Dr. med. Nikolaus Linde, Lipödem- und Venenspezialist

Dieser Vortrag wird unterstützt von der Lipödem Liga Schweiz (www.lipoedemliga.com). Weitere Informationen unter www.venenclinic.ch.

Gewicht und Lipödem

Was ist im Zusammenhang von Körpergewicht und einer anstehenden oder geplanten Lipödembehandlung wichtig? 

Grundsätzlich sollte vor jeder Behandlung das Körpergewicht normalisiert werden. Vor allem diejenigen Patienten profitieren davon, die über eine Verschlechterung des Lipödems durch eine Gewichtszunahme klagen und zwar unabhängig davon, ob sie ästhetisch oder wegen Beschwerden unter dem Lipödem leiden.

Das Zielgewicht ist hierbei durch die Waage oder die Ermittlung des BMI schlecht als Norm haltbar. Es empfiehlt sich eine Beurteilung des Körperstammes, also des Bereiches vom Kopf bis zum Bauch vor dem Spiegel. Wenn dieser Bereich schlank aussieht, ist das Optimum an Gewichtsreduktion erreicht.

Immer wieder liest man, was zur Förderung oder Linderung eines Lipödems gegessen werden sollte und was nicht. Leider gibt es keine einzige wissenschaftliche Studie, die hier einen Zusammenhang zwischen Auswahl an Lebensmitteln und Lipödemausprägung ermittelt hat. Beim Lipödem gilt (wie immer im Leben), dass der Körper nicht mehr Kalorien zu sich nehmen sollte, als er benötigt. Wieviel das im Einzelfall ist, ist sehr individuell. Alter, Geschlechtshormone, Schwangerschaften, Stoffwechselfaktoren sowie vieles mehr entscheiden und beeinflussen das Gewicht einer Person.

Was ist also die richtige Ernährung?
Die richtige Ernährung ist eine ausgeglichene Ernährung, die Eiweisse, Kohlenhydrate und möglichst wenig Fett enthält. Geflügel, Fisch und Gemüse wie Spinat, Broccoli etc. sind der Schlüssel zum Erfolg. Kohlenhydrate, die schnell ins Blut einfahren und den Blutzuckerspiegel rasch erhöhen wie Alkohol, Süsses, Brot (Weissbrot), aber auch Früchte mit einem hohen Zuckeranteil sollten gemieden werden.

Interview über die Lipödem-Selbsthilfegruppe mit Heidi Schmid

Heidi-Schmid-Selbsthilfegruppe-Lipödem1. Um was genau geht es in Ihrer Selbsthilfegruppe? Mit welchem Ziel und welchen Aufgaben wurde sie ins Leben gerufen?

Ich habe diese Selbsthilfegruppe vor etwas mehr als einem Jahr gegründet, und zwar deshalb, weil ich merkte, dass viele Ärzte dieses Problem nicht kennen und sich viele Betroffene deshalb mit der Krankheit allein gelassen fühlen. Das Ziel ist, erstens eine Anlaufstelle für Betroffene aufzubauen, zweitens die Ärzteschaft auf bestimmten Veranstaltungen/Weiterbildungen der Ärzteverbände für dieses Krankheitsbild zu sensibilisieren, drittens die Gesellschaft durch redaktionelle Berichte in Zeitungen aufmerksam zu machen, viertens die Forschung anzuregen und fünftens kämpfen wir vor allem auch um die Anerkennung der Krankheit bei den Krankenkassen. 

2. Welche Erfolge oder Meilensteine konnte die Selbsthilfegruppe bis jetzt bei den Krankenkassen erreichen?

Der Punkt mit den Krankenkassen ist ganz wichtig. Das Ziel ist, dass die Krankheit auch als solche anerkannt und nicht nur als rein ästhetisches Problem abgetan wird. Wenn etwas solche Schmerzen verursacht und so schwer zu beeinflussen ist, kann es ja nicht nur allein die Schuld des Patienten sein. Häufig wird das Lipödem als Übergewicht diagnostiziert, was sehr demütigend ist. Viele Patienten sind bei Ausbruch der Krankheit nicht übergewichtig. Meistens kommt das Übergewicht hinzu, weil sie später wegen dem Lipödem eine Essstörung entwickeln.

Derzeit sind die Krankenkassen immer noch nicht sehr interessiert an dem Problem und stellen auf taub, wenn sie das Wort “Lipödem“ hören. Vor allem wenn es um invasive Methoden geht, wird ganz klar abgeblockt. Bei den konservativen Behandlungen ist es etwas besser. Allerdings müssen diese Behandlungen ein Leben lang gemacht werden, was natürlich auch nicht unbedingt auf Freude bei den Krankenkassen stößt. Eine Kompressionsstrumpfhose beispielsweise kostet 700 bis 1200 Franken, von diesen braucht es 2 bis 3 pro Jahr. Dann ist es so, dass die Kosten für die teuren Hosen oft auch nicht bezahlt werden. Meistens sagen die Krankenkassen, sie würden nur die rundgestrickten Kompressionshosen bezahlen. Diese kosten deutlich weniger, also ca. 100 bis 150 Franken, nützten beim Lipödem jedoch kaum etwas. Da ohne invasive Behandlung mindestens 1-3 mal pro Woche Lymphdrainagen nötig wären, gibt es auch da immer wieder Widerstand bei den Krankenkassen. 

3. Wo und wann trifft sich Ihre Selbsthilfegruppe? Wie können Betroffene Kontakt mit Ihnen aufnehmen?

Wir haben alle 2 Monate ein Treffen im Raum Rheintal. Ab Herbst gibt es eine neue Gruppe in Chur und eine in Zürich, beide befinden sich zurzeit im Aufbau. Es kommen immer mehr Betroffene hinzu, täglich erhalte ich Emails und Telefonate von Betroffenen.

Weitere Informationen sowie meine Kontaktdaten befinden sich auf der Webseite www.lipödem-rheintal.ch.

Interview mit Heidi Schmid von der Lipödem-Selbsthilfegruppe über das Lipödemleiden

heidi-schmid1.     Wie geht es Ihnen derzeit mit dem Lipödem? Haben sich in letzter Zeit weitere Verbesserungen im Genesungsprozess eingestellt?

Ich habe eine Liposuktion durchführen lassen vor ca. einem Jahr, wodurch eine deutliche Verbesserung eingetreten ist. Ich habe auch viel weniger Schwellungen, trage aber immer noch Kompressionsstrumpfhosen, um das Ergebnis zu erhalten und einem eventuellen Rückfall vorzubeugen. Weiterhin ist erfreulich, dass ich nun auch wieder normal essen kann und trotzdem keine Gewichtszunahme habe. Dies war vor der Kompressionsstrumpf- und der operativen Behandlung nicht mehr möglich, da sich jeder Bissen direkt auf mein Gewicht niedergeschlagen hat. Ich kann auch wieder meine normalen Kleider tragen. Meine Lebensqualität hat massiv zugenommen seit der Operation.

2.    Was ist Ihrer Meinung nach das Schlimmste an der Krankheit?

Das Schlimmste ist die Machtlosigkeit, die ich dem Ganzen gegenüber fühlte. Viele Ärzte kennen die Krankheit nicht, weshalb ich keine Ansprechpartner hatte. Auch das Unverständnis vom privaten und ärztlichen Umfeld ist sehr belastend, da viele  nicht verstehen, warum man plötzlich dicke Beine bekommt ohne zuviel gegessen oder Sport vernachlässigt zu haben. Ich leide zudem häufig unter starken Spannungs- und Berührungsschmerzen. So kann selbst die kleinste Berührung wie eine Bettdecke oder ein Leintuch bereits starke Schmerzen verursachen. Das heißt auch, dass man nächtelang nicht mehr schlafen kann, weil man die Beine nirgends mehr hinlegen kann. Schmerzmittel helfen dabei nur in geringem Maße.

3.    Welche Anlaufstellen würden Sie Betroffenen als erstes empfehlen?

Es ist wichtig, dass man zu einem Phlebologen/Angeologen geht. Diese Gefässspezialisten können sehr gut ein Lipödem diagnostizieren, auch wenn sie nicht auf Lipödeme spezialisiert sind. Vielen Hausärzten ist diese Krankheit leider noch nicht bekannt, so meine Erfahrung.

4.    Welche Eingriffe oder Behandlungen haben bei Ihnen persönlich bis jetzt am meisten geholfen bzw. die besten Resultate erzielt?

Ich persönliche habe zuerst die konservative Behandlung gemacht, also Lymphdrainage kombiniert mit flachgestrickten Kompressionsstrumpfhosen Klasse 2. Ich war im Stadium 1, da reicht Klasse 2. Ich will an dieser Stelle zusätzlich erwähnen, dass es auch die rundgestrickten Kompressionsstrümpfe gibt, welche für das Lipödem nur bedingt geeignet sind und zudem die Haut einschneiden.

Bei mir war es außerdem so, dass ich die Strümpfe von Anfang an schlecht vertragen  habe. Ich musste die Strumpfhose täglich 2 bis 3 Stunden ausziehen, mich hinlegen und die Beine hochlagern, bis ich die Strumpfhose wieder tragen konnte. Aber das war in meinem speziellen Fall so. Viele vertragen diese Kompressionsstrumpfhosen gut ohne zusätzliche Beschwerden.

Ich will noch anfügen, dass eine Kompressionsstrumpfhose eine grosse Einschränkung im Alltag bedeutet. Die Strumpfhosen sehen nicht sehr schön aus und haben dicke Nähte. Das bedeutet, dass beinfreie Kleidung praktisch ausfällt, was vor allem im Sommer eher ungünstig ist. Es braucht zudem einige Zeit, um die Technik zu erlernen, wie die Strumpfhosen mit Gummihandschuhen angezogen werden. Ich fühlte mich sehr eingeengt.

5.    Gibt es derzeit neue Behandlungsmethoden oder Eingriffe, die vielversprechend scheinen?

Das ist sicher die Tumeszenz-Methode, die bereits oft angeboten wird. Weiter habe ich von einer Wasserstrahl-Methode gelesen.

6.    Gibt es bewährte Hausmittel oder Dinge im Alltag, die beachtet oder umgesetzt werden können, um sich das Leiden so gut wie möglich in Eigenregie zu erleichtern?

Wichtig ist eine ausgewogene und gesunde Ernährung. Das Schlimmste, was man sich bei einem Lipödem antun kann, sind Diäten, da diese den Stoffwechsel nur noch weiter durcheinander bringen. Deshalb: Ein ausgewogenes Essverhalten mit viel Gemüse und möglichst ohne Fertigprodukte ist sehr empfehlenswert.

Machtlos gegen starke Fettschwellungen – Die Selbsthilfegruppe gegen das Lipödemproblem

Das Lipödem ist eine unheilbare Krankheit, die sich in unerklärlichen, starken und schmerzhaften Fettschwellungen am Körper äußert  Operationen können helfen – doch die Krankenkasse bezahlt nicht.

März 2011: Heidi Schmids Beine schwellen von einem Tag auf den anderen stark an. Innerhalb weniger Wochen nimmt die heute 45-jährige Grabserin sechs Kilo zu. « Ich hatte damals keine Ahnung wieso», sagt sie heute. Als angehende Ernährungs-Psychologische Beraterin ernährt sie sich ausgewogen. Aus Angst, weiter an Gewicht zuzunehmen, traut sie sich kaum mehr zu essen. Doch keine Diät hilft. Die immer dicker werdenden Beine schmerzen und sind sehr berührungsempfindlich. «Ich hielt nicht einmal mehr die Bettdecke auf den Beinen aus», erzählt Heidi Schmid. «Nach mehreren Monaten erhielt ich von einem Angiologen, einem Gefässspezialisten, die Diagnose Lipödem Stadium 1. Ich war geschockt, denn das Lipödem gilt bis heute als nicht heilbar.»

Das-LipödemDas Lipödem, auch Fettschwellung genannt, wird in Fachbüchern als eine nicht ernährungsbedingte Fettverteilungsstörung, die vor allem Beine, Gesäss und etwas seltener die Arme betreffen kann, beschrieben. Wenn das Lipödem nicht oder zu spät behandelt wird, entsteht eine starke Diskrepanz zwischen schmalem Oberkörper und stark ausgeprägtem Unterkörper. Die Betroffenen – vorwiegend Frauen – leiden unter starken Schmerzen, Berührungsempfindlichkeit und der Neigung zu blauen Flecken. Auch Serena Schütz-Orlando ist an einem Lipödem erkrankt. Bei ihr wurde die Krankheit 2003 bei einer normalen Venenkontrolle diagnostiziert. «Ich war fassungslos, da mir dieses Krankheitsbild völlig unbekannt war», sagt sie. Ihr damaliger Hausarzt konnte der heute 37-Jährigen nicht weiterhelfen. «Ich erhielt lediglich eine Info-Broschüre.» Beide Frauen recherchieren im Internet und werden fündig. Serena Schütz-Orlando wendet sich an eine Angiologin in Graubünden. Die Ärztin verschreibt ihr Kompressionsstrumpfhosen, die sie täglich tragen muss. «Um diese anzuziehen, brauche ich zwei weitere Hände!» Auch Heidi Schmid trägt seit der Diagnose eine Kompressionsstrumpfhose. «Zwar nahm ich nicht weiter an Gewicht zu, trotzdem war die konservative Behandlung für mich sehr unbefriedigend.» Bei einem erfahrenen Arzt in St. Gallen liess sie sich an beiden Beinen das krankhafte Fett entfernen. «Seither sind meine Beschwerden deutlich weniger geworden.»

Lipödembehandlung-Anerkennung-KrankenkasseBei ihrer Krankenkasse stösst Heidi Schmid auf Ablehnung. Das Lipödem ist bei vielen Ärzten und Krankenkassen noch nicht als Krankheit bekannt, wird als ästhetisches Problem abgetan und somit nicht im Leistungskatalog aufgeführt. Die Kosten für die Operation müssen die Betroffenen selber tragen. Die Selbsthilfegruppe verfolgt nebst Hilfe für Betroffene weitere Ziele. «Wir wollen Ärzte, Physiotherapeuten und die allgemeine Gesellschaft sensibilisieren», sagt Serena Schütz-Orlando. «Ausserdem wollen wir erreichen, dass die Krankenkassen das Lipödem als Krankheit anerkennen.» Den Schritt an die Öffentlichkeit wagen sie bewusst. «Wir wollen kein Mitleid», betonen beide. «Wir wollen auf diesen Missstand im Schweizer Gesundheitssystem aufmerksam machen und erhoffen uns, durch die vielen Betroffenen Gehör bei den Krankenkassen zu verschaffen.» !

Ein Lipödem ist meistens mit starken Schmerzen und Wassereinlagerungen verbunden und kann von einem Spezialisten gut von normalem Übergewicht unterschieden werden. Da ein Lipödem nicht heilbar ist, trägt Heidi Schmid auch nach dem operativen Eingriff weiterhin täglich ihre Kompressionsstrümpfe. So kann sie das gute Ergebnis hoffentlich lange halten, denn eine Schwellneigung bei längerem Sitzen und Stehen ist geblieben. Durch die Sensibilisierung der Physiotherapeuten, Ärzte und der Gesellschaft wollen Serena Schütz-Orlando und Heidi Schmid den Druck auf die Krankenkassen erhöhen. Auch sind sie sich sicher, dass ein nicht oder zu spät behandeltes Lipödem das Gesundheitswesen viel stärker belastet. Die Folgen bei zu später Behandlung reichen von maddeligen Fettüberlappungen bis zu Depressionen.

Heidi Schmid beginnt im Mai 2012 mit dem Aufbau einer Lipödem-Selbsthilfegruppe und verteilt Flyer in Arzt- und Physiotherapie-praxen, Apotheken, Drogerien und Fitnesscentern. Serena Schütz-Orlando meldet sich. Nach einem Treffen beschliessen die Frauen, das Projekt «Lipödem Selbsthilfegruppe Rheintal» gemeinsam zu realisieren. Mittlerweile betreiben sie eine Homepage und haben bereits ein erstes Treffen mit Betroffenen durchgeführt. «Wir erhalten E-Mails und Anrufe von Betroffenen aus der ganzen Schweiz», sagt Heidi Schmid.

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