“Kompressionstherapie” beim Lipödem | Interview mit Dr. Linde

Interview mit Dr. Nikolaus Linde, einem der führenden Schweizer Venen- und Lipödemspezialisten, zum Thema “Kompressionstherapie”. Dr. Linde ist Präsident der Lipödem Liga Schweiz.

Welche Strumpfstärke muss ich beim Lipödem tragen? 

Die Stärke des Kompressionsstrumpfes sollte immer individuell ausgetestet werden. Es gibt keine Standardstärke, die getragen werden muss, auch wenn dies von bestimmten Kreisen propagiert wird.

Ich persönlich bin der Ansicht: “Lieber einen Strumpf am Bein – auch wenn er vielleicht nicht ganz so eng ist – als einen Strumpf im Schrank.“ Je nach Beschwerden reicht eine halbe Kompressionsstrumpfstärke aus (ein frischer enger Herrenstrumpf wie z.B. die “Rohnersocke“, die weissen Antithrombosenstrümpfe etc.); es kann aber auch sein, dass ein Strumpf der medizinischen Kompressionklasse II oder III benötigt wird. 

Muss ich einen Strumpf nach Mass tragen? 

Alle Strümpfe sind auf ein bestimmtes Mass angepasst und erhältlich in den Grössen X, M, L sowie XL. Für die meisten Lipödeme Grad I und für viele Grad II reichen diese aus.

Aber: Es gibt Beinformen, an denen kein Strumpf nach Normmassen passt, z.B. ab Grad III oder bei einem “Elefantenbein“. Dann wird ein individuell angepasster Strumpf benötigt. Leider sind solche Massanfertigungen ziemlich teuer und müssen zu einem erheblichen Teil selbst bezahlt werden. 

Muss der Strumpf rund- oder flachgestrickt sein?  

Rundgestrickte Strümpfe sind oftmals sehr modisch, dünn und angenehm zu tragen. Sie ähneln einem “Fogal“ Strumpf in der Tragequalität. Flachgestrickte Strümpfe sind wesentlich fester, dicker und werden hinten mit einem Reissverschluss verschlossen. Sie sind zudem optisch nicht sehr elegant.

Grundsätzlich sind die normalen, rundgestrickten Kompressionsstrümpfe ausreichend zur Behandlung. Über 90% aller Patienten können so versorgt werden. Aber – es gibt Patienten mit speziellen Beschwerden oder starken Schwellungen, wo ein flachgestrickter Strumpf besser ist. Flachgestrickte Strümpfe sind die erste Wahl beim ausgeprägten Lymphödem, bei dem ein normaler Strumpf nicht passt.

Symptome eines beginnenden Lipödemleidens richtig erkennen

Lipödeme stören meistens nur optisch, weil z.B. Stiefel nicht mehr passen oder eng geschnittene Jeans nicht mehr getragen werden können. 

In vielen Fällen führen Lipödeme zu Beschwerden. Im Vordergrund der Symptome steht die Schwellung der Beine, die vor allem tagsüber im Stehen und Sitzen zunimmt, sich nachts aber stets zurückbildet. Bei dieser Schwellung handelt es sich um eine lymphatische Begleitschwellung. Sie ist harmlos und tritt nur im Rahmen eines Lipödems auf. Die Schwellung geht von den einzelnen Fettzellen aus, die sich im Laufe eines Tages mit Wasser einlagern und damit grösser werden. Lymphödeme hingegen führen zu einer Stauung in den Lymphgefässen, die meistens mit einer Schwellung des Vorfusses und der Zehen einhergehen, dann den Unterschenkel ergreifen und letztendlich den Oberschenkel ebenfalls einbeziehen.

Lipödemleiden Symptome

Diese Schwellung kann rein optisch stören oder aber auch mit Beschwerden einhergehen. Schwere- und Zerschlagenheitsgefühl, Müdigkeit, Berührungsempfindlichkeit und Stauungsbeschwerden werden am häufigsten als Beschwerden angegeben.

Diese Schwellungen und/oder Beschwerden werden meistens symmetrisch und vor allem im Bereich der Unterschenkel angegeben, teilweise aber auch ganz örtlich z.B. seitlich am Unterschenkel in der Knöchelregion, an der Vorderseite des Oberschenkels etc. Die Beinschwellung am Unterschenkel kann wenige Millimeter (abends finden sich die Abdrücke der Socken) bis einige Zentimeter ausmachen. Der Vorfuss und die Zehen bleiben meistens von der Schwellung ausgespart oder schwellen nur wenig auf. Bei einem Lymphödem hingegen schwellen vor allem als erstes die Füsse und dann erst die Unter- und zum Schluss die Oberschenkel auf. Im Gegensatz zu anderen Ursachen für eine Beinschwellung ist die Schwellung beim Lipödem niemals eindrückbar (beim Drücken bleiben “Dellen“ der Finger übrig).

Lipödem Symptome

Bilder mit freundlicher Erlaubnis Lipödemklinik in Walchsee/Tirol

Lipödeme beginnen üblicherweise am Unterschenkel im Bereich der Knöchelregion und hören dort wie ein “Muffenkragen“ auf. Bis zum Abend ist eine richtige Stufe sichtbar, die oftmals die Knöchel miteinbezieht, so dass diese nicht mehr sichtbar sind. Der Fuss selbst und die Zehen schwellen hierbei nur mässig oder sogar gar nicht auf. Am Oberschenkel tritt das Lipödem vor allem an der Innenseite, vorne und an der Aussenseite auf. Die typischen weiblichen Fettpolster wie Reiterhose oder der Innenbereich der Oberschenkel werden bei einem Lipödem wesentlich ausgeprägter und nehmen teilweise sogar groteske Formen an. Am Oberarm treten Lipödeme ebenfalls zirkulär auf und sind in selteneren Fällen auch am Unterarm sichtbar. Auch das Gesäss, der Bauch sowie andere Regionen können vom Lipödem betroffen sein, doch finden sich solche Befunde eigentlich nur bei zusätzlichem Übergewicht und einem Stadium III.

In vielen Fällen ist eine Neigung zu “blauen Flecken“ ein weiteres Symtom, das beobachtet wird. Die Ursachen sind noch nicht erforscht. Das Phänomen ist allerdings harmlos.

Neue Studie zeigt: Kompressionen und Medikamente können Symptome des Lipödems lindern, am Befund ändern sie nichts

In einer eigenen Studie mit 30 Patientinnen, die an einem Lipödem mit Beinschwellung und -beschwerden gelitten haben, wurde bei 15 eine Kompressionsbehandlung und bei den anderen 15 eine medikamentöse Behandlung mit einem pflanzlichen Medikament (Mediaven forte) durchgeführt. Die Behandlungszeit dauerte 4 Wochen.

Bei ca. 80% der Probanden, die nur Medikamente eingenommen haben, wurden die Beschwerden (Stauungen, Schweregefühlt) gelindert. Ähnliche Resultate konnten bei Patienten erzielt werden, die den Strumpf trugen. Nach Absetzen des Medikamentes dauerte die Verbesserung der Symptome noch ca. 6 Wochen an, nach Absetzen des Strumpfes nur ca. 4 Wochen. Danach kamen die Beschwerden wieder zurück, der Befund war derselbe wie vor der Behandlung.

Bei der Abschwellung sah das Ergebnis während der Behandlung anders aus: Die Schwellung nahm mit den Kompressionsstrümpfen (kniehoch, Klasse II) im Durchschnitt um 2 cm ab, durch die Einnahme des Medikamentes lag die Abnahme lediglich bei 0.5 – 1cm. Auch dieses Ergebnis normalisierte sich 2 Wochen nach Absetzen des Medikamentes oder des Strumpfes.

Zusammengefasst können Kompressionsstrümpfe und Venenmedikamente (Phytotherapeutika) die Beschwerden beim symptomatischem Lipödem verbessern, eine langfristige sicht- und spürbare Verbesserung wird dadurch leider nicht erreicht.

Studien beweisen: Die Fettabsaugung hilft beim Lipödem – erfolgreich und nachhaltig

Geschwollene, schwere Beine, die schmerzen und sich oftmals entzünden: Frauen, die unter einem Lipödem leiden, konnte bislang nicht dauerhaft geholfen werden. Lymphdrainagen oder Kompressionen linderten zwar zeitweise die Symptome, das Erscheinungsbild der Krankheit konnten sie aber nicht verhindern.

picture of healthy naked woman over whiteMit der Fettabsaugung setzt sich nun eine Therapieform durch, die an den Ursachen des Lipödems ansetzt. Verschiedene Zentren wie die Arbeitsgruppe um Prof. V. Schmeller in Lübeck oder Dr. M. Cornely in Düsseldort konnten in Studien belegen, dass durch eine Fettabsaugung nicht nur die Schwellungen und Schmerzen deutlich reduziert werden, sondern auch das ästhetische Erscheinungsbild des Lipödems massiv optimiert werden kann.

Das Lipödem ist eine fortschreitende Erkrankung, die ausschließlich bei Frauen auftritt. An einzelnen Körperstellen, zunächst vor allem an Hüfte und Oberschenkeln, sammelt sich dabei Fettgewebe an. Auch schlanke Frauen sind von dieser Fettverteilungsstörung betroffen. Bei ihnen ist der Kontrast zwischen dem schmalen Oberkörper und einer umfangreicheren, unteren Körperhälfte besonders stark ausgeprägt − die Proportionen stimmen nicht mehr. Im weiteren Verlauf der Erkrankung vermehrt sich auch an Unterschenkeln und Oberarmen das Unterhautfettgewebe. Die starke Vermehrung der Fettzellen führt zu einer erhöhten Produktion von Lymphflüssigkeit. Die Lymphgefäße können deren große Menge nicht mehr bewältigen, die Lymphflüssigkeit staut sich und es kommt zu Schwellungen, die empfindlich auf Druck reagieren. Die Patientinnen leiden unter Schmerzen in den Beinen, auch Entzündungen können auftreten.

Die Gründe für die Entstehung eines Lipödems sind noch nicht hinreichend geklärt. Da die Erkrankung aber vor allem in Phasen der hormonellen Umstellung − wie Pubertät, Schwangerschaft oder Wechseljahre − in Erscheinung tritt, wird ein Zusammenspiel von Veränderungen im Hormonhaushalt und genetischer Disposition vermutet.

Die Erkrankung schreitet unbehandelt stetig fort. Im fortgeschrittenen Stadium entstehen Schäden am eigentlichen Lymphsystem. Ein sekundäres Lymphödem, bei dem nun der fehlerhafte Transport der Lymphe am Anfang der Entstehung immer neuer Ödeme (Schwellungen) steht, kann zu weiteren schmerzhaften Komplikationen führen. In sehr seltenen Fällen droht ein sogenanntes Elephantenbein als Extremform am Ende dieser Entwicklung.

Bisherige Therapieansätze konnten dem Fortschreiten der Erkrankung nicht viel entgegensetzen. Lediglich durch regelmäßige Lymphdrainagen und Kompressionen konnten Beschwerden verbessert und eine Beschädigung von Gefäßen und Nerven vermieden werden.

Einen neuen Therapieansatz bei Lipödemen bietet nun die Fettabsaugung, die schonend und dauerhaft die Ursachen des Lipödems bekämpft. Die Wirksamkeit der Liposuktion beim Lipödem beruht darauf, dass sie gezielt gegen die Fettzellen vorgeht, die ursächlich für die Störung des Lymphsystems verantwortlich sind. Mit der Fettabsaugung lässt sich außerdem eine ästhetische Verbesserung des Krankheitsbildes erreichen, was mit den bisherigen konservativen Methoden nicht möglich war. Durch die Verringerung der Fettzellen produziert der Körper auch weniger Lymphflüssigkeit. Das Lymphsystem ist nicht mehr überlastet, schmerzhafte Schwellungen gehen zurück.

Bei den modernen, gewebeschonenden Techniken der Fettabsaugung mit vibrierenden Kanülen ist das Risiko der Verletzung von Nerven und anderen Gewebestrukturen sehr gering, da der operierende Arzt keinen Druck auf das Gewebe ausübt. Auch die Gefahr von postoperativen Schwellungen ist so ausgesprochen gering. Die Tumeszenzlokalanästhesie, bei der eine Betäubungslösung in das Unterhautfettgewebe injiziert wird, hat bei Liposuktionen die Vollnarkose abgelöst, die mit einem deutlich höheren Komplikationsrisiko behaftet war. Mit feinsten Kanülen, die durch kleine Hautschnitte in das Unterhautfettgewebe eingeführt werden, saugt der Operateur sanft die überschüssigen Fettzellen ab. Schon wenige Wochen nach dem Eingriff sind die Schnitte nicht mehr zu sehen.

Die Liposuktion erweist sich als die derzeit beste Therapieform beim Lipödem. Eigene Studien zeigen dies auch: Über 90% aller abgesaugten Patientinnen waren nach dem Eingriff fast vollständig beschwerdefrei und gaben an, dass sie so gut wie keine Schwellungen mehr hatten. Über 80% waren mit dem ästhetischen Ergebnis sehr zufrieden und gaben an, ein völlig neues, besseres Lebensgefühl erhalten zu haben. Die restlichen 20% gaben an, sie sähen einen deutlichen Unterschied an ihren Beinen, hätten aber noch zusätzlich kräftige Muskeln, weswegen sich der Traum von ganz schlanken Beinen nicht erfüllt hätte. Fast alle Patientinnen waren von der Fettabsaugung so begeistert, dass sie diesen Eingriff sofort ihrer besten Freundin empfehlen würden.

Einziger Wermutstropfen: Noch werden die Kosten für die Fettabsaugung bei Lipödem von den Krankenkassen trotz erwiesener Wirksamkeit nur in ausgewiesenen Einzelfällen übernommen.